Dieses Fotoobjekt aus der Sammlung des Fotoarchivs des Kunstgeschichtlichen Seminars (Fotogröße 17 x 12 cm) zeigt eine zunächst wenig beeindruckende Ansicht einer offenkundig teilzerstörten und verbarrikadierten Kirche, vor der zusätzlich noch eine Barracke steht. Die Bildunterschrift weist das Foto als „St. Gertrud, Westwerk, in Nivelles“ aus.
Rechts unten auf dem Bildträger aus gelblicher Pappe befinden sich zwei Nummern: M 200537 verweist auf Foto Marburg, B 2187 auf die Fotokampagne in Belgien. Rechts oben sehen wir die Nummer der Fotobox, zu dem diese Abbildung gehört, und links oben die Inventarnummer „7230“. Ein Blick ins Inventarbuch zeigt, dass das Foto und die anderen dieses Konvoluts 1947 erworben wurden. Erhaltenes Schriftgut der Zeit berichtet zudem, unter welchen Umständen die fast 14.000 Fotografien in Marburg für Hamburg erworben wurden: nämlich in größter Eile, ohne offizielle Budgetbewilligung, da befürchtet wurde, dass der Fotobestand von den Besatzungsmächten beschlagnahmt würde.
Doch warum die Eile? Die Fotografien aus Frankreich und Belgien waren im Rahmen der nationalsozialistischen „Kunstschutzoperationen“ in den besetzten Ländern aufgenommen worden. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hatte sie finanziert, der militärische Kunstschutz-Stab vor Ort betreut und die Fotografen von Foto Marburg realisiert. >> Mehr zur Fotokampagne in Belgien <<
Die Kirche St. Gertrud, eine der größten und ältesten Kirchen in Westeuropa, die größtenteils aus dem 11. Jahrhundert stammte, war im Mai 1940 bei deutschen Bombenangriffen schwer beschädigt worden. Dach und Vierungsturm stürzten ein, das Gebäude brannte aus. Unser Foto, das zwischen 1942 und 1944 entstand, zeigt den traurigen Zustand des Westwerks. Der dunkle Himmel bei dieser Aufnahme verstärkt noch den trostlosen, apokalyptischen Eindruck. Diese Kirche wirkt, als sei sie ein schon lange ungenutztes Relikt. Weitere Aufnahmen aus der Serie zeigen das Innere mit zur Seite geräumten Schutt und Holzverschalungen.
Blick in das östliche Querschiff
Doch der Blick auf die Fotografie des Westwerks trügt – die dort zu sehenden Schäden am Bauwerk sind nicht Folge des Bombenangriffs von 1940, sondern älterer Beschädigungen. Die Fotos zeigen damit sozusagen die längere „Leidensgeschichte“ eines Bauwerks und nicht nur das Ergebnis eines schrecklichen Ereignisses: Hier auf dieser Postkarte um 1900 (Wikipedia) deutlich zu sehen:
St. Gertrud wurde ab 1948 in vierzigjähriger Arbeit rekonstruiert, und zwar im ursprünglichen romanischen Stil. Das vollständige Westwerk mit Westchor und Turm ebenfalls >> Foto << Spätere bauliche Veränderungen wurden nicht berücksichtigt, so dass die Kirche heute fast das Bild eines „mittelalterlichen Neubaus“ bietet. Solche Rekonstruierungen und die Fest-Stellung auf einen spezifischen Zeitrahmen fanden auch bei schwer zerstörten deutschen Kirchen Umsetzung, zum Beispiel in Quedlinburg und Münster.


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